Page 4 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, März-Ausgabe 2018
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    Die K     früher war alles besser!?



              In jeder Diskussion mit Kollegen zum Thema zukünftige Sicher- entfernt, aus pekuniären Gründen in ein Hamsterrad zu sprin-
              stellung der ärztlichen Versorgung kommt diese Haltung auf. Es  gen. Sie schätzen die Familie, kümmern sich um ihre Kinder –
              folgt dann sofort eine intensive Schilderung, was man früher  zunehmend auch männliche Kollegen – und vereinbaren Beruf
              alles auf sich genommen hat, wie selbstverständlich es war,  und Leben in einer für uns eigentlich beneidenswerten Art. Wir
              immer für die Patienten da gewesen zu sein, was die Chefs alles  sollten sie nicht mit unseren überkommenen  Vorstellungen
              von ihren Assistenten gefordert haben und wie man sich auch  verprellen. Wenn ich es mir recht überlege, war meine Nacht-
              als Oberarzt in seiner Freizeit aufgeopfert hat. Aus jedem an der  dienstserie über 56 Nächte einfach nur bescheuert. Wir waren
              Diskussion Beteiligten sprudelt es nur so heraus. Man versucht,  selbst schuld, dass wir derartigen Quatsch mit uns haben
              sich gegenseitig zu toppen. In diesem Zusammenhang habe  machen lassen. Es ist schlimm, dass auch heute noch in den
              ich selbst immer erzählt, dass ich einmal 56 Nachtdienste hin- Krankenhäusern Gratisarbeit erwartet wird und Chefärzte dies
              tereinander durchgestanden habe. Damit konnte ich dann  von ihren Assistenten einfordern.
              bewundernde und respektvolle Blicke auf mich ziehen.
                                                              Wenn eine Vogelart selten wird, sind wir bemüht und bieten
              Wenn ich mich an meine Jugend zurückerinnere, haben wir es  Nisthilfen  an.  Einzelpraxen  in  traditioneller  Struktur  werden
              immer als richtig nervend empfunden, wenn unsere Väter vom  leider kaum noch angeflogen.
              Krieg erzählten, was sie dort alles durchgestanden hatten und
              wie verweichlicht und ahnungslos wir doch seien. Je mehr sie  Was müssen wir verändern?
              im Krieg gelitten hatten, desto rigider klammerten sie sich an
              die Sinnhaftigkeit des Krieges (ein Krieg, der mich ein Bein  Zunächst müssten wir „Alten“ wieder miteinander in ein konst-
              gekostet hat, kann nicht überflüssig gewesen sein).  ruktives Gespräch kommen.  Wir sollten uns sprengelweise
                                                              treffen und darüber austauschen, wer noch wie lange wie viel
              In eben diesem Modus der selbst ertragenen und dann ideali- arbeiten möchte. Dann sollten wir Kolleginnen und Kollegen
              sierten früheren Unterdrückung fallen wir jetzt über die uns  im mittleren Alter fragen, ob sie bereit sind, mit mehreren Älte-
              nachfolgende Generation her: Was bilden die sich ein, wo ist  ren eine Berufsausübungsgemeinschaft mit Anstellungen zu
              deren Verantwortung, die wollen nichts arbeiten, haben nur  bilden. Dann entstehen beim oft ersehnten teilweisen Rückzug
              Freizeit im Kopf, die Patienten sind denen egal. Diese Zitate  Einzelner  aus  der  Vollzeit  attraktive  Strukturen  und Gestal-
              sind nur eine freundliche und jugendfreie Auswahl des von mir  tungsräume für alle Generationen:  Vereinbarkeit von Leben
              Gehörten.                                       und Arbeit, kollegialer Austausch im Team und flexible Vertre-
                                                              tungsmöglichkeiten.
              Wir sind darauf angewiesen, mit der nächsten Generation  Wir haben einen hohen Anspruch an die Kollegialität, ich wün-
              zusammenzuarbeiten, wir müssen unsere überkommenen  sche sie mir auch zwischen den Arztgenerationen.
              Praxisstrukturen  gemeinsam  mit  den  jungen  Ärztinnen  und
              Ärzten neu aufstellen und an deren Vorstellungen und Haltun- Mit kollegialen Grüßen
              gen anpassen. Das bedeutet nicht, sich mit einem Übel zu
              arrangieren, sondern die eigenen Defizite zu erkennen und von
              den Nachfolgerinnen und Nachfolgern zu lernen.
              Die jungen Kolleginnen und Kollegen sind hervorragend aus- Dr. Peter Heinz
              gebildet und sehr professionell aufgestellt. Sie können das  Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung
              Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden und sind weit davon  Rheinland-Pfalz


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