Page 11 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, März-Ausgabe 2018
P. 11

B eruf spolitik



            Das Medizinstudium braucht keinen


            elitären Elfenbeinturm, sondern

            handfeste Praxisnähe




            Ines Engelmohr, Mainz


 Foto: Engelmohr  Begeistern statt rumjammern; Praxisnähe statt Elfenbeinturm
            und deutlich mehr Studienplätze statt jahrelanger Wartezeit!
            Für Andreas Prüm-Wolf, der im siebten Semester in Mainz Medi-
            zin studiert, sind das wichtige Aspekte, um den medizinischen
            Nachwuchs nachhaltig für den Arztberuf zu motivieren.
            „Wir werden alle so ausgebildet, als ob wir an der Uni bleiben
            und Spitzenforschung betreiben werden“, kritisiert er. „Wir sit-
            zen in einem Elfenbeinturm und bekommen laufend medizini-
            sche Kolibris präsentiert und erklärt, die wir als Ärzte vielleicht
            irgendwann vermutlich nur einmal in unserem Arztalltag sehen
            werden, weil sie so selten sind“, fügt er verwundert hinzu. Diese
            besonderen Fälle seien sicherlich interessant, „aber es hat doch                              Foto: Engelmohr
            so gar nichts mit der wirklichen Versorgungsrealität zu tun“,
            gibt Prüm-Wolf zu bedenken. Das sei so fernab von dem, „was
            draußen tatsächlich abgeht“.                    Andreas Prüm-Wolf:  „Wir brauchen im Studium mehr
            Das Medizinstudium, so findet er, sollte eindeutig mehr Praxis-    Praxisnähe. Denn die Kolibri-Medizin hat nichts mit der
                                                             Versorgungsrealität zu tun.“
            bezug haben. Und gut wäre es zudem, wenn man Praktika
            auch mal in anderen Häusern bekommen könnte, um über den
            hauseigenen  Tellerrand schauen zu können. Er selber hatte  am PC sitzen und ihm zuschauen dürfen, wie er Zahlen eintippt
            kürzlich über die Uni die Gelegenheit, als Student an einem  oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen an Schnupfenpati-
            großen allgemeinmedizinischen Kongress teilnehmen zu dür- enten ausstelle. In solchen Fällen komme dann auch nicht
            fen. „Das war spannend und hat so viele zusätzliche Impulse  wirklich Freude für den Beruf auf. Viel besser sei es doch, die
            gegeben. Das sollte man Studierenden viel öfter ermöglichen“,  Studierenden auch mal etwas selber tun zu lassen. In vielen
            regt er an.                                      Praxen gebe es schließlich mehrere Räume. Man könnte doch
                                                             den Famuli oder den PJler schon mal mit einem Patienten in ein
                                                             Untersuchungszimmer vorgehen lassen und ihn bereits die
                        Wir brauchen unbedingt mehr         Anamnese machen lassen. Und das Ergebnis sollte dem Studie-
                        Ärztinnen und Ärzte, die für uns
                        Vorbilder sind.                      renden dann auch vom erfahrenen Arzt wiedergespiegelt
                                                             werden. Prüm-Wolf: „Nur so erfährt man, was Diagnostik und
                                                            Therapie erlebbar mache. Nur so wird Medizin für uns begreif-
            Dass das Medizinstudium praxisnäher wird und sich stärker an  lich im wahrsten Sinne des Wortes.“
            der  Versorgungsqualität orientiert, ist dem 29-Jährigen ein
            großes Anliegen. Und noch eines vermisst er: „Wir brauchen  Und vielleicht sei ja unter den 40 Schnupfenpatienten doch
            unbedingt mehr Ärztinnen und Ärzte, die für uns Vorbilder sind.  einer, der eine Lungenentzündung habe. „Genau das heraus-
            Die nicht nur rumjammern, wie schlecht es ihnen geht. Son- zufinden, ist doch auch das Spannende am Arztberuf.“ Konkrete
            dern die uns ihre Begeisterung weitergeben und uns mit ihrer  Rückmeldungen von routinierten Ärztinnen und Ärzte seien so
            Freude mitreißen!“ Doch das erlebe er leider viel zu selten.  wichtig. Unmittelbar zu erfahren: Wie habe ich das gemacht?
                                                             Was war gut und was kann ich besser machen? „Das ist das, was
            Ihn ärgere es immer, wenn er mitbekomme, dass beispielsweise  begeistert und uns Studierende voranbringt“, so der Student.
            Hausärzte die Famuli oder PJler, die zu ihnen die Praxen kom-
            men, mitunter nicht wirklich im Praxisalltag einbinden würden.  Auch im Krankenhaus sieht Prüm-Wolf noch viel  Verbesse-
            „Das ist doch eine so gute Chance, den Arztberuf erlebbar wer- rungspotenzial im Umgang mit Studierenden.  Wenn er bei-
            den zu lassen“, meint er. Aber er höre viel zu oft von Kommilito- spielsweise drei bis vier Stunden im OP beim Eingriff dabei sei
            nen, dass sie bei Famulaturen oder im PJ nur neben dem Arzt  und etwa bei einer Hüft-TEP immer nur die Haken halten dürfe,


                                                                            Ärzteblatt Rheinland-Pfalz ❙ 3/2018  11
   6   7   8   9   10   11   12   13   14   15   16