Page 4 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Januar-Ausgabe 2018
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Die KV Rheinland-Pfalz informiert  Editorial

                                                                                                  Peter Andreas Staub

                                   Quo vadis Verantwortung?

                                   Verantwortung – seit der Bundestagswahl im September Es gab deshalb vor einigen Jahren auch innerhalb der Ärzte-

                                   ist dies das wohl meistverwendete Wort der Politik. Noch und Psychotherapeutenschaft die Diskussion, dieses Mandat

                                   scheint – jedenfalls bis zum Redaktionsschluss Anfang Dezem- des Sicherstellungsauftrages wieder zurückzugeben, da die

                                   ber 2017 – keine regierungsfähige Mehrheit der Parteien in Beanspruchung der Ärzte und Psychotherapeuten – auch vor

                                   Sicht. Möglicherweise wird es wieder eine Große Koalition. Als dem Hintergrund des Demografiefaktors – an ihre Grenzen

                                   großes Thema wird diskutiert, wie sich manche Politiker aus gerät. In einer groß angelegten Befragung positionierte sich

                                   dieser vielbeschworenen Verantwortung verabschieden, sie 2012 die überwiegende Mehrheit aller rund 150.000 Vertrags-

                                   zurückgewiesen oder an nur der Partei dienende Bedingun-­ ärzte und Vertragspsychotherapeuten in Deutschland eindeu-

                                   gen geknüpft haben. Es ist in Zeiten reicher gesellschaftlicher tig: Der Sicherstellungsauftrag für die ambulante medizinische

                                   D­ ifferenzierungen nicht unbillig zu fordern, dass auch die Versorgung soll weiterhin von der ärztlichen Selbstverwaltung

                                   gewählten Mandatsträger größere Anstrengungen als bisher wahrgenommen werden. Doch dieses Votum war daran ge­­

                                   unternehmen, um neue Wege der parlamentarischen Zusam- knüpft, die Rahmenbedingungen erheblich zu verbessern.

                                   menarbeit zu ermöglichen. Sich der Verantwortung zu entzie-

                                   hen und Neuwahlen anzustreben, ist nur in alleräußerster Not Es sei in diesen Zeiten einer Neuausrichtung der Politik noch

                                   denkbar.                                                       einmal an diese Bedingung erinnert. In den bisherigen Sondie-

                                                                                                  rungsgesprächen waren unsere gesundheitspolitischen Forde-

                                   Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen haben von der rungen kaum ein Thema. Es ist umgekehrt sogar zu befürchten,

                                   Gesellschaft ein Mandat übertragen bekommen, nämlich für dass eine Neuauflage der Großen Koalition durch einen groß

                                   die flächendeckende, sozial gerechte, angemessene und wirt- angelegten Eingriff einseitig wiederum nur die Organisations-

                                   schaftliche ärztliche und psychotherapeutische Versorgung der und Honorierungsbedingungen der Ärzte- und Psychothera-

                                   Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. Dieser Sicherstellungsauf- peutenschaft weiter belasten wird. Offensichtlich scheuen die

                                   trag sieht vor, dass KBV und Kassenärztliche Vereinigungen – Politiker, um die Wählergunst nicht zu gefährden, Probleme

                                   und damit die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft selbst – aufzugreifen und etwa die Eigenverantwortung der Bürgerin-

                                   dies organisieren. Die Versicherten sollen wohnortnah und zu nen und Bürger zumindest zu thematisieren. Die KV RLP wird

                                   jeder Zeit unabhängig von Status und Krankenkasse einen Arzt deshalb nicht müde, dieser Verantwortung nachzukommen,

                                   oder Psychotherapeuten ihrer Wahl aufsuchen können – sei es auch für die ambulante Versorgung eine sozial abgefederte

                                   in der regulären Sprechstunde, im Hausbesuch oder im ärztli- Selbstbeteiligung zu fordern, wie sie für die Bereiche stationäre

                                   chen Bereitschaftsdienst. In Verantwortung für dieses Mandat Versorgung, Arzneimittel sowie Heil- und Hilfsmittel längst

                                   sorgt die kassenärztliche Selbstverwaltung für einen tragbaren besteht.

                                   Ausgleich im Spannungsfeld zwischen ärztlicher und psycho-

                                   therapeutischer Professionalität und begrenzter Ressourcen.

                                   Diese Verantwortung tragen jede Ärztin und jeder Arzt sowie

                                   jede Psychotherapeutin und jeder Psychotherapeut durch die Mit kollegialen Grüßen

                                   jeweilige Entscheidung, ob eine Behandlung medizinisch not-

                                   wendig, ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich ist, und

                                   haften dafür letztlich persönlich. Dieses sorgsam austarierte

                                   System gerät jedoch ins Wanken, wenn der Druck auf die

                                   ­verantwortlichen Behandler – Regresse, Einkommensverfall, Peter Andreas Staub

                                   Bürokratie, Flatrate-Mentalität der Versicherten – immer größer Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung

                                   wird.                                                          Rhein­land-Pfalz

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