Page 21 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Januar-Ausgabe 2018
P. 21

Medizinstudium heute

und Ärzten, Pflegern, Seelsorgern, Sozialdienst, Psychologen, Der Alltag im Prak tischen Jahr

Physiotherapeuten, Musiktherapeuten und anderen erwachen

können, ist den meisten Patienten und leider vielen Ärztinnen Seit meiner ersten Woche auf der Station war ich begleitet von

und Ärzten nicht bewusst.                                  zwei Stationsärzten, einer Fachärztin für Neurologie und einem

Mit schwerkranken Patienten zu arbeiten, bedeutete für mich, Facharzt für Anästhesie.

viele eigene Bedürfnisse zu hinterfragen.

                                                           Die Oberärztin und der Leiter der Abteilung hatten einen

Es bedeutete, Augen und Ohren zu öffnen für die Wünsche und hämato-onkologischen Hintergrund und konnten auch sehr

Bedürfnisse der Patienten und Angehörigen. Es bedeutete komplexe Verläufe verständlich darstellen.

jedoch auch, mutig zu sein und mit wachsender Erfahrung

falsche Vorstellungen und unmögliche Zielsetzungen zu the- Als einziger „PJ-Student“ dabei in dieses Kompetenzteam inte-

matisieren und lähmende Trauer auszuhalten.                griert zu werden, war eine einmalige Erfahrung. In diesem

                                                           sicheren Umfeld zu erfahren, wie wertvoll ein guter Umgang

Auf der Palliativstation merkt man als junger Arzt schnell, dass mit den Patienten und den Familien für das persönliche Berufs-

von der am Berufsanfang vorherrschenden Vorstellung, Krank- bild sein kann, ist ebenfalls unbezahlbar.

heiten besiegen zu wollen, Abstand genommen werden muss.

Mit diesem Abstand eröffnete sich für mich ein ganz bedeutsa- Guten Gewissens kann ich allen Studierenden, die den Glauben

mer Raum und viel Zeit für andere besondere Aspekte ärztli- an eine sinnvolle und würdevolle Medizin in unserer heutigen

chen Handelns.                                             Zeit noch nicht verloren haben, empfehlen, palliativmedizini-

                                                           sche Erfahrungen zu sammeln.

Oft sind die ehrlich gemeinte ärztliche Zuwendung und ein

liebevoller Umgang in Verbindung mit moderner Schmerz­ Allen Studierenden, die Freude am gemeinschaftlichen,

therapie und Linderung der Symptomlast die ersten großen menschlichen Miteinander und an hoch komplexen, interdiszi-

Schritte zu einem lebenswerten, würdevollen Krankheitserle- plinären ärztlichen Entscheidungsfindungen haben, sind diese

ben der Patienten.                                         Erfahrungen zu wünschen.

Obwohl viele Patienten vor dem Aufenthalt auf der Palliativsta- Ich kann diese Erfahrungen in alle möglichen Facharztweiter-

tion schon viele Kliniken durchlaufen haben, spüren sie dort bildungen mitnehmen und habe mehr als in den letzten sechs

nicht selten zum ersten Mal eine ganzheitliche Betreuung, nach Jahren endlich wieder das Gefühl, dass der Beruf des Arztes ein

der sie sich lange gesehnt haben...                        besonderer und wunderschöner sein kann.

Der Spruch: „Man muss als Ärztin/Arzt viel wissen, um wenig Auto r

zu tun“, ist in der palliativmedizinischen Versorgung gelebter Maximilian Benckendorff

Alltag, da alle Aspekte medizinischen Handelns darauf abge- Student im Praktischen Jahr auf der Palliativstation der

stimmt sind, ob aus ihnen tatsächlich sinnvolle Konsequenzen Universitätsmedizin in Mainz im Sommer/Herbst 2017

abgeleitet werden können.                                  E-Mail: maximilianbenckendorff@gmail.com

                                                                    Ärzteblatt Rheinland-Pfalz ❙ 1/2018 21
   16   17   18   19   20   21   22   23   24   25   26