Page 20 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Januar-Ausgabe 2018
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Medizinstudium heute

Ein Erfahrungsbericht aus dem Praktischen
Jahr: wertvolle Erfahrungen in der
Palliativmedizin

Maximillian Benckendorff, Mainz

Die Universitätsmedizin in Mainz hat seit dem Wintersemester Meine große Hoffnung war, solchen demotivierenden Aspek-

2016 für Studierende die Möglichkeit eröffnet, das Wahl-Tertial ten auf der Palliativstation nicht zu begegnen. Diese Hoffnung

des Praktischen Jahres auf der Palliativstation zu absolvieren. wurde gestärkt durch das vorbildliche Verhalten der Ärztinnen

                                                                 und Ärzte während der Studierendenkursen auf der Palliativsta-

Mit den Aspekten und Inhalten palliativmedizinischer Betreu- tion. Zudem hatte ich bereits vor Beginn des Tertials ein ein-

ung wird man als Studierender bisher nur in einer Einheit des stündiges Gespräch mit dem Leiter der Abteilung, durch das

Bedside-Teachings beim Innere-2-Kurs sowie durch den Quer- ich mich als Student und als Mensch willkommen und wahrge-

schnittbereich Q13 während der höheren klinischen Semester nommen gefühlt hatte. Bereits vor Beginn des eigentlichen

konfrontiert. Dabei entsteht ein guter Einblick, jedoch fehlen Tertials!

die Zeit und die persönlichen Fähigkeiten, tiefere Erfahrungen

zu sammeln.                                                      Rückblick auf mein Ter tial

Nach vier Monaten auf der interdisziplinären Palliativstation der Am Ende meines Studiums kann ich sagen, dass die letzten vier

Universitätsmedizin in Mainz möchte ich hier einige wertvolle Monate gerade auch im Hinblick auf den bevorstehenden

Erfahrungen aus meinem dritten und letzten Tertial festhalten. Berufseinstieg die wertvollste Zeit der letzten sechs Studien-

                                                                 jahre waren.

Beweggründe                                                      Warum ich dies so fühle, möchte ich hier versuchen zu erklären.

                                                                 Nach acht Monaten im internistischen und chirurgischen Tätig-

Hintergrund meiner bewussten Entscheidung für das Wahlfach keitsfeld in Schweizer Spitälern war die Palliativstation für mich

Palliativmedizin war die gute Erfahrung in den Studierenden- eine ganz besondere Station.

kursen der Unterrichtseinheiten Schmerzmedizin und Palliativ-

medizin. Die besonderen Aspekte palliativmedizinischer Arbeit Durch das Erleben einer dem Patienten zugewandten Medizin

konnten dort seitens der Ärztinnen und Ärzte und anderen habe ich die Freude am Arztberuf wiedergewonnen. In meiner

Mitarbeitern (Pflege, Seelsorge, Psychologie) gut vermittelt klinischen Ausbildungszeit habe ich mich lang nach ärztlichen

werden.                                                          Vorbildern gesehnt. Verloren geglaubte ärztliche Verhaltens-

                                                                 weisen konnte ich auf der Palliativstation wiederentdecken.

Die Vorstellung der ärztlichen Tätigkeit im Klinikalltag verän-

dert sich stark im Laufe des Medizinstudiums. Nach der propä- Ich war zu tiefst beeindruckt, mit welchem speziellen medizini-

deutischen Zeit in der Vorklinik, in welcher die meisten jungen schen Sachverstand versucht wurde, komplexe Krankheitssitu-

angehenden Ärztinnen und Ärzte idealisierte Vorstellung vor- ationen zu verstehen. Aus diesem Verständnis des Krankheits-

bildhafter Mediziner und Menschlichkeit in sich tragen, läuft verlaufes wurden – unter Berücksichtigung der Wünsche und

man Gefahr, diese im Klinikbetrieb wieder zu verlieren.          Bedürfnisse der Betroffenen – endlich„sinnvolle“ medizinische

                                                                 Entscheidungen getroffen. Dabei geht es nicht nur um die

In der klinischen Patientenversorgung sowie im Umgang mit Therapiebegrenzung und den Verzicht auf sinnlose lebensver-

dem eigenen Stationsteam erlebt man als Studierender leider längernde Maßnahmen.

nicht selten Situationen, in welchen man sich denkt: „Hier

könnte und wollte ich nicht arbeiten.“ Die fehlende Wahrneh- Einigen Patienten, die bereits in der Sterbephase zu sein schie-

mung der Studierenden in den Lehreinheiten sorgt zum Glück nen, konnte auf der Palliativstation vielmehr vor meinen Augen

dafür, dass diese Gedanken oft nicht zur Sprache kommen... sogar das Leben bewahrt werden. Auch wenn die verbleibende

                                                                 Lebenszeit begrenzt blieb, wurden die Patienten wieder auf

Der allseits gefürchtete Zeit- und Personalmangel sowie wach- einen lebenswerten und würdevollen Weg gebracht.

sende Verantwortung bei wenig Gestaltungsfreiheit unterstrei-

chen den schwierigen Berufseinstieg für junge Mediziner zu­­ Wie viele Lebensgeister bei hoffnungslosen Patienten unter

sätzlich.                                                        einer guten Betreuung durch ein Stationsteam aus Ärztinnen

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