Page 13 - Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Januar-Ausgabe 2018
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Berufspolitik

Die Hemmschwelle scheint zu sinken:
Patienten werden öfter aggressiv und
gewalttätig als früher

Ines Engelmohr, Mainz

Ärztinnen und Ärzte und ihre Mitarbeiter kümmern sich nicht vem Verhalten ausgesetzt waren. Von diesen Betroffenen habe

nur um Patientinnen und Patienten, sondern müssen dabei beinahe jeder leichtere, aggressive Vorfälle erlebt wie Beleidi-

auch immer öfter damit umgehen, dass sie dabei mit Gewalt gungen und Beschimpfungen. 26 Prozent hätten mittelschwere

konfrontiert werden. Denn verbale und körperliche Gewalt Vorfälle erfahren wie Sachbeschädigungen, und acht Prozent

nimmt zu.                                                       seien Opfer von schwerer körperlicher Gewalt und sexuellen

Sowohl in der Klinik als auch in der Praxis kommt es inzwischen Übergriffen geworden.

häufiger zu Aggressivität und zum Teil auch zu Gewalt. Patien-

tinnen und Patienten und auch deren Angehörige pöbeln, Frustp eg el in d en No tfallambulanzen steig t mit

beleidigen, bedrohen und gar nicht selten kommt es zu tat- zunehmend er War tezeit

sächlichen Gewaltausschreitungen.

                                                                Meldungen über Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte kommen

Grund ist oft die Ungeduld der Patienten und ihrer Familien, auch aus den rheinland-pfälzischen Notfallambulanzen. Denn

wenn sie ihrer Ansicht nach nicht schnell genug an die Reihe diese sind total überlastet, obwohl es in Rheinland-Pfalz einen

kommen. Aber auch die gestiegene Erwartungshaltung vieler von der Kassenärztlichen Vereinigung sehr gut organisierten,

Patienten, was der Arzt ihrer Meinung nach bei ihrem Fall tun flächendeckenden ärztlichen Bereitschaftsdienst rund um die

müsse, steigt. Offizielle Statistiken hierüber gibt es zwar noch Uhr gibt. „Doch immer mehr Patienten, die sich in den Not-

nicht, doch aus Berichten weiß die Landesärztekammer, dass fallambulanzen melden, gehören dort aus medizinischer Sicht

auch in rheinland-pfälzischen Praxen und Krankenhäusern gar nicht hin, sondern wären gut versorgt über diesen ärztli-

Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte ein wachsendes Problem ist. chen Bereitschaftsdienst“, erklärt Landesärztekammer-Präsi-

                                                                dent Dr. Günther Matheis. „Dieses Anspruchsdenken und -ver-

Aggressive Vorfälle sind nicht mehr selten                      halten vieler Patienten – sozusagen in Flatrate-Manier alles in

                                                                kürzester Zeit in Anspruch nehmen zu wollen –, ist eine Unsitte.

Laut einer bundesweiten Befragungsstudie aus dem Jahr 2014, Genau diese Menschen verstopfen die Notfallambulanzen und

bei der 831 Ärztinnen und Ärzte teilgenommen hatten, gaben nehmen den wirklichen Notfällen Versorgungszeit weg“, fügt

91 Prozent der Befragten an, im Verlauf ihrer hausärztlichen der Kammer-Präsident hinzu. Die Folge: Die Wartezeit in den

Tätigkeit mit aggressivem Verhalten konfrontiert gewesen zu Ambulanzen wird immer länger, und der Frustpegel steigt. All

sein. Schwerwiegende Aggression beziehungsweise Gewalt das hat auch dazu geführt, dass der Ton am Empfang rauer

hätten 23 Prozent in ihrer Laufbahn erlebt. In ihren Praxisräu- geworden ist. Die Mitarbeiter am Empfang – egal ob in der

men fühle sich die überwiegende Mehrheit der Antwortenden Notfallambulanz oder in der Arztpraxis – sind davon meist

recht sicher. Doch insbesondere bei Hausbesuchen während noch häufiger betroffen als die Ärztinnen und Ärzte selber.

des Bereitschaftsdienstes sei dies bei 66 Prozent der Ärztinnen Nämlich dann, wenn sich die Patienten erst einmal am Emp-

und 34 Prozent der Ärzte nicht der Fall.                        fang ausgetobt haben. Da wird geschimpft, beleidigt und auch

                                                                schon mal der Tresen abgeräumt oder mit Gegenständen

Die Schlussfolgerung der Studie: Aggression und Gewalt gegen geworfen.

Hausärzte kommen auch in Deutschland in nicht unbeträchtli-

chem Ausmaß vor und liegen etwa im Bereich anderer, interna- D ring lichkeitsfilterung d er Patientenfälle k ann

tionaler Erhebungen. In internationalen Studien falle auf, dass zur Deesk alatio n b eitrag en

aggressives Verhalten gegenüber Ärztinnen und Ärzten offen-

bar regelmäßig vorkomme. So zeigten zum Beispiel vier austra- Erforderlich ist nach Kammer-Ansicht daher in den Notfall­

lische Untersuchungen aus den Jahren 2003 bis 2007, dass ambulanzen eine wirkliche Filterung der Patientenfälle, damit

68 bis 73 Prozent der befragten Hausärzte während ihrer Kar­ tatsächliche Notfälle dort rasch versorgt werden und nicht-

riere bereits Erfahrungen mit Aggressionen ihnen gegenüber dringliche Fälle im Bereitschaftsdienst oder beim Hausarzt

gemacht hatten. Eine weitere Studie aus Kanada aus dem Jahr behandelt werden können. Diese Filterung ist nicht nur für eine

2010 komme zu dem Ergebnis, dass 29 Prozent aller befragten gute Patientenversorgung förderlich, sondern hilft auch, die

Allgemeinärzte im letzten Monat vor der Befragung aggressi- Aggressionsbereitschaft abzufedern.

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